»Besitzt ein ganzes Volk überhaupt Ehre?« fragte er den Onkel. Schon mit der eigenen wußte er nicht recht umzugehen. In den Studentenjahren hatte ihn einmal ein Bekannter erst darauf aufmerksam machen müssen, daß sie gekränkt worden war. In der Regel entwich er lieber ungesehen, als ihr öffentlich zu begegnen; sein persönlicher Sieg aber hätte sie empfindlich verletzt. Vermutlich hing sie auch mit den Männern zusammen, er mußte sich also an sie gewöhnen, wie an ein Eigentum, das in einer Glasvitrine stand. Vorläufig sprach ihm der Onkel jedes Ehrgefühl ab.
Siegfried Kracauer, Ginster, Frankfurt am Main: Suhrkamp 2014, S. 269f [orig: Anon., Ginster. Von ihm selbst geschrieben, Berlin: S. Fischer 1928].












