»Die Opfer sind aus ihrem Versteck hervorgekommen, und die Kliniken sind voll mit Erwachsenen, die wegen sexuellen MiĂbrauchs behandelt werden wollen. Die Entwicklung, die innerhalb der letzten zehn Jahre stattgefunden hat, ist wirklich erfreulich.« â Charlotte Krause Prozan "Therapie zur Aufdeckung von Erinnerungen", nennt sich eine psychotherapeutische, politisch stark aufgeladene Behandlungsform, um die in den 90er Jahren ein erbitterter Streit entbrannt ist. Eine Therapie, die mit einem psychoanalytisch unkritischen und vor allem völlig wahllosen Begriff der "VerdrĂ€ngung" operiert, und damit vorgibt, jahrelang vollstĂ€ndig verdrĂ€ngte, bzw. bis dato nicht-existente Erinnerungen an einen MiĂbrauch in der Kindheit wieder an die OberflĂ€che zu holen, um damit die Ursache diverser Krankheitssymptome zu erklĂ€ren. Im Folgenden schildert der Bericht den Fall von Christine und ihrer Familie. Christines Geschichte ist besonders tragisch, weil nur einen Monat, nachdem sie zu der Ăberzeugung gekommen war, sie könne sich daran erinnern, daĂ ihr der Vater sexuelle Gewalt angetan habe, bei ihr eine Myelofibrose diagnostiziert wurde. Das ist eine unheilbare Krankheit, bei der sich das Knochenmark allmĂ€hlich in narbiges Gewebe verwandelt. Es spricht fĂŒr die Ăberzeugungskraft dieses Glaubenssystems [das der Therapie zur Aufdeckung von Erinnerungen], daĂ ihre neu gewonnenen Erinnerungen und nicht ihre tödliche Krankheit im Zentrum ihrer Therapie standen und die letzten Jahre ihres Lebens beherrschten. Christine, die 26 Jahre alt war, als sie die Therapie begann, hatte ihr ganzes Leben lang gewuĂt, daĂ sie nicht aus einer perfekten Familie kam. Ihr Vater Jack war Alkoholiker und schlug im Rausch hĂ€ufig wĂŒtend auf ihre Mutter ein. Bereits als Christine acht Jahre alt war, hatte er durch heftiges Trinken die FĂ€higkeit eingebĂŒĂt, zumindest im nĂŒchternen Zustand vernĂŒnftig zu sein, und er konnte sich nur noch selten erinnern, was er nach dem dritten Glas gesagt oder getan hatte. Als Christine elf Jahre alt war, nahm ihre Mutter Hellen allen Mut zusammen und lieĂ sich von Jack scheiden, um ihre Töchter aus diesem destruktiven Umfeld herauszunehmen. Mit ihrem Gehalt als technische Zeichnerin war es fĂŒr Helen schwer, einen Haushalt mit zwei Töchtern finanziell zu tragen. Nachdem sie wĂ€hrend der Rezession in den siebziger Jahren entlassen worden war, bekam die Familie fĂŒr eine gewisse Zeit Sozialhilfe, bis sich die Mutter mit dem Verkauf von LebensmittelzusĂ€tzen und Haushaltswaren in ihrer Wohnung selbststĂ€ndig machen konnte. Es gab aber auch damals schöne Zeiten. Wenn sie mit der Mutter, die in einiger Entfernung lebte, spĂ€ter telefonierte, erinnerte sich Christine manchmal an die AusflĂŒge, die ihre Mutter, ihre Schwester und sie unternahmen, als ihr Vater fĂŒr zwei Wochen auf einer ReservistenĂŒbung war. Christine war wĂ€hrend der Grundschulzeit eine hervorragende SchĂŒlerin und, obwohl ihre Noten an der High School etwas schlechter wurden, beliebt bei ihren MitschĂŒlern. Ăber lange Zeit hinweg hatte sie einen Freund, den ihre Mutter sehr schĂ€tzte. Obwohl Christine sich deutlich an die schlimmen Trinkgelage ihres Vaters erinnern konnte, brauchte sie in der Therapie ein Jahr, bis sich bei ihr und ihrer Therapeutin der Verdacht herauskristallisierte, daĂ ihre Probleme möglicherweise auf sexuellen MiĂbrauch zurĂŒckgingen. Sie aĂ wenig und hatte selbst in letzter Zeit zuviel getrunken. AuĂerdem hatte sie anscheinend nur schemenhafte Erinnerungen an einige Abschnitte ihrer Kindheit. All diese Symptome, das wuĂte ihre Therapeutin aus den BĂŒchern ĂŒber die Therapie zur Aufdeckung von Erinnerungen, traten hĂ€ufig bei Erwachsenen auf, die Erinnerungen an BelĂ€stigungen wĂ€hrend der Kindheit verdrĂ€ngt hatten. Die Tatsache, daĂ ihr Vater Alkoholiker war, machte die Aufgabe, den mutmaĂlichen TĂ€ter zu identifizieren, leicht. ZusĂ€tzlich zu ihrer Therapie nahm Christine an einer Gruppe mit "ĂŒberlebenden Opfern" sexuellen KindesmiĂbrauchs teil. Sie kaufte eine Reihe von BĂŒchern zu diesem Thema, auch "The Courage to Heal", das ihr besonders hilfreich erschien. Hier erfuhr sie, daĂ Alkoholismus in der Familie und andere »dysfunktionale Verhaltensmuster oft mit sexuellem MiĂbrauch einhergehen« und daĂ die Opfer hĂ€ufig zum Alkohol als einem Mittel greifen, um mit ihren Erinnerungen an die BelĂ€stigung nichts mehr zu tun zu haben. In der Therapie und in Selbsthilfegruppen lernte sie, wie man die wiedererlangten Erinnerungen »noch einmal durchlebt«. Die Sitzungen, in denen sie diese Szenen erneut durchmachte, waren von quĂ€lenden Schmerzen begleitet. Ihr Körper reagierte hĂ€ufig so, als wĂ€re sie tatsĂ€chlich psychischer Gewalt ausgesetzt. Ăber eine dieser Sitzungen mit ihrer Therapeutin schrieb sie: »Heute hatte ich eine körperliche RĂŒckblende - was bedeutet, daĂ ich körperlich erneut erlebte, wie mein Vater seine HĂ€nde auf meine BrĂŒste legte; ich muĂte wĂŒrgen und hatte das GefĂŒhl zu ersticken, weil ich spĂŒrte, wie sein Penis wieder in meinem Mund war.« Als sie erfahren hatte, daĂ sie bald sterben wĂŒrde, schrieb sie danach im ersten Brief an ihre Mutter nichts ĂŒber ihre Krankheit, sondern nur ĂŒber ihre neugewonnenen Ăberzeugungen. »Es gibt da einige Dinge, die ich Dir sagen muĂ; ich hatte Angst, sie Dir am Telefon zu sagen, weil ich sie als quĂ€lend empfinde. Es ist mir jetzt klar, daĂ groĂe Zeitabschnitte wie aus meinem GedĂ€chtnis gelöscht sind. Dies war fĂŒr mich eine groĂe Ăberraschung⊠Ich habe angefangen, Erinnerungen an Dinge zu haben, die vor langer Zeit geschehen sind, Dinge, von denen ich nicht einmal wuĂte, daĂ ich sie vergessen hatte. Diese Erinnerungen trafen mich mit ihrer ganzen Wucht, und ich habe ĂŒberhaupt keinen Zweifel, daĂ sie stimmen⊠Ich erinnere mich daran, abends allein mit meinem Vater vor dem Fernsehapparat gesessen zu haben. Ich erinnere mich an vieles, was er mir an diesen Abenden angetan hat, jedoch nicht an alles. Ich erinnere mich deutlich daran, daĂ er mich wiederholt belĂ€stigt hat. Ich bin heute davon ĂŒberzeugt, daĂ er mich vergewaltigt hat⊠Ich weiĂ nicht, ob das mit dem Inzest monatelang oder jahrelang so weiterging, aber ich weiĂ, daĂ sich der emotionale Schaden ĂŒber jetzt fast zwanzig Jahre hinweg ausgewirkt hat; und es wird noch einige weitere Jahre dauern, bis ich geheilt bin.« Als sie den Brief gelesen hatte, brach Helen zusammen und beschloĂ, ein Gewehr zu kaufen, ihren Ex-Mann ausfindig zu machen und ihn zu töten. Die eigene Tochter zu vergewaltigen, war das abscheulichste Verbrechen, das sie sich vorstellen konnte. Der Impuls, ihren Ex-Mann zu töten, verschwand jedoch nach einigen Tagen. Sie erkannte, daĂ sie damit weder das, was geschehen war, rĂŒckgĂ€ngig machen noch ihrer Tochter helfen konnte. Sie beschloĂ, daĂ es am besten wĂ€re, ihre Tochter auf jede nur erdenkliche Art zu unterstĂŒtzen. Als sie den Brief noch einmal las, bemerkte sie, daĂ sich ein Teil von Christines Wut gegen sie richtete. Christine hatte festgestellt, daĂ der sexuelle MiĂbrauch etwa zu der Zeit stattgefunden hatte, als ihre Mutter bei der örtlichen Unitarier-Kirche eine Teenager-Gruppe gegrĂŒndet hatte. Weil Christine damals erst zehn Jahre alt war, nahm ihre Mutter nur ihr Ă€ltere Schwester Janice zu den wöchentlichen Treffen mit. Christine schrieb: »Ich bin heute davon ĂŒberzeugt, daĂ dies [die GrĂŒndung der Teenager-Gruppe] ein Versuch von Dir war, Janice vor meinem Vater zu schĂŒtzen.« Weil Christine ihre Mutter im Brief ausdrĂŒcklich geschrieben hatte, daĂ sie das Thema nicht am Telefon besprechen wollte, schickte Helen ihr eine Reihe von Briefen, in denen sie sich fĂŒr den MiĂbrauch an Christine entschuldigte. Sie schrieb, sie hĂ€tte keine Ahnung von dem MiĂbrauch gehabt und daĂ sie, hĂ€tte sie davon gewuĂt, Christine und Janice gewiĂ sofort aus dem Haus gebracht hĂ€tte. Eine Woche danach erst erfuhr Helen von Janice, man habe bei Christine die Diagnose Myelofibrose gestellt und sie habe möglicherweise nur noch drei Monate zu leben. Nachdem sie in der Bibliothek gewesen war und alles, was sie bekommen konnte, ĂŒber die Krankheit gelesen hatte, beschloĂ sie, mit ihrer Tochter zu telefonieren. Christine reagierte abweisend, und das GesprĂ€ch dauerte nur wenige Minuten. In den Wochen nach der Myelofibrose-Diagnose nahmen Christines Vorstellungen bezĂŒglich der HĂ€ufigkeit und Schwere des MiĂbrauchs zu. Je mehr Erinnerungen hochkamen, desto stĂ€rker waren sie und ihre Therapeutin der Auffassung, daĂ ihre Mutter dem MiĂbrauch - entweder stillschweigend oder direkt - zugestimmt haben muĂte. In einer der aufgedeckten Erinnerungen sah sie, wie ihr Vater sie am Handgelenk von der Veranda herabhĂ€ngen lieĂ. Ihre Mutter stand am Hauseingang und sah zu, weigerte sich jedoch einzuschreiten. Wegen der Symptome, die sie und ihre Therapeutin im nachhinein herausfanden - dazu gehörten wenig Essen, BettnĂ€ssen und gute Noten in der Grundschule -, kamen sie zu der Auffassung, ihre Mutter mĂŒsse sich der Tatsache bewuĂt gewesen sein, daĂ irgend etwas nicht stimmte. Mit UnterstĂŒtzung der Therapeutin und ihrer therapeutischen Gruppe hörte sie schlieĂlich mit dem "Verleugnen" auf und akzeptierte, daĂ ihre Mutter am MiĂbrauch beteiligt war. Als sie noch einmal "The Courage to Heal" las, erfuhr sie, daĂ es bei einem MiĂbrauch fĂŒr TĂ€ter unangemessen sei, auch nur den Versuch zu unternehmen, die Beziehung zur MiĂbrauchten in irgendeiner Form zu steuern. Nur dem MiĂbrauchsopfer sollte es erlaubt sein, zu entscheiden, »ob, wann und wie oft es in eine Interaktion treten will«. Die TĂ€ter sollten keinesfalls die Wut des ĂŒberlebenden Opfers »herunterspielen oder kritisieren«. Nachdem Christine und ihre Therapeutin ĂŒber den Anruf ihrer Mutter gesprochen hatten - den sie beide als plump aufdringlich und manipulativ ansahen -, kamen sie zu dem SchluĂ, es handle sich bei den Aufmunterungen ihrer Mutter um genau die Art von Herunterspielen, vor der in "The Courage to Heal" gewarnt wurde. Die Mutter hatte gemeint, sie solle sich jeden Tag, der ihr noch bliebe, um GlĂŒck und Frieden bemĂŒhen. Christine schrieb ihrer Mutter einen langen wĂŒtenden Brief. »Nach diesem MiĂbrauch steht jetzt ein jahrelanger HeilungsprozeĂ an«, schrieb sie. »Ich habe das GefĂŒhl, daĂ Du, wenn Du sagst 'lebe im Heute', meine Erlebnisse - meine Wirklichkeit - völlig abtust. In mir kommt eine solche Wut auf, daĂ ich unseren Kontakt streng begrenzen muĂ. Ich möchte nicht, daĂ Du mich anrufst; ich werde einen Brief von Dir entgegennehmen - aber einzig und allein, wenn Du sagen kannst: 'Christine, ich habe deine GefĂŒhle heruntergespielt, und es tut mir leid' oder 'Christine, deine Kindheit war eine einzige Hölle, und ich habe nicht geholfen' oder 'Christine, ich erkenne, daĂ du ein Anrecht darauf hast, dich, wenn du möchtest, fĂŒr den Rest deines Lebens darĂŒber zu Ă€rgern'. Ich glaube, es wĂŒrde mir helfen, zu hören, wie Du eingestehst: 'Ja, Christine, ich sah, wie du miĂbraucht wurdest, und ich habe dir nicht geholfen.' Wenn Du mir das nicht sagen kannst, nimm bitte auch keinen brieflichen Kontakt zu mir auf.« Helen wuĂte nicht, was sie tun sollte. Sie hatte weder mit angesehen, wie Christine von der Veranda herunterbaumelte, noch hatte sie je einen Verdacht, daĂ es zu sexuellem MiĂbrauch gekommen war. Sie hĂ€tte nie eine ihrer Töchter schutzlos zu Hause zurĂŒckgelassen. Ginge sie auf die Forderungen ihrer Tochter ein, wĂ€re das fĂŒr sie eine LĂŒge; andererseits wollte sie auf keinen Fall den Kontakt zu ihrer Tochter verlieren. Zum erstenmal stellt sie die Qualifikation von Christines Therapeutin in Frage. Konnte es fĂŒr eine Frau, die bald sterben wĂŒrde, von Nutzen sein, sich in der Therapie so intensiv auf MiĂbrauchserinnerungen zu konzentrieren? Helen las ein Buch ĂŒber Todkranke, das ihr dabei half, den Vorgang des Sterbens zu verstehen; sie schickte es Janice in der Hoffnung, sie wĂŒrde es an Christine weitergeben. Als das Ende der Dreimonatsfrist nĂ€herrĂŒckte, machte Helen Christines Arzt ausfindig; er sagte ihr, daĂ Christines Krankheit langsamer verlief, als sie erwartet hatten. Zu ihrer Erleichterung erfuhr Helen, Christine wĂŒrde vielleicht noch mehrere Jahre leben können. Eine Woche spĂ€ter traf aus Denver der Brief einer AnwaltssozietĂ€t ein. »Unsere Kanzlei vertritt Ihre leibliche Tochter Christine Philips«, begann das Schreiben. »Wir haben in Erfahrung gebracht, daĂ Sie betrĂŒgerisch und ungesetzlich gehandelt und damit gegen das in Bundes- und Landesgesetzen verankerte Recht auf PrivatsphĂ€re verstoĂen haben, indem Sie kĂŒrzlich mit bestimmten Medizinern in Kontakt getreten sind. Mit diesem Brief setzen wir Sie davon in Kenntnis, daĂ wir sofort alle erforderlichen Schritte einleiten werden, wenn Sie durch kĂŒnftige Handlungen erneut die Rechte unserer Klientin verletzen.« In dieser Zeit konzentrierte sich Christine in der Therapie weiterhin auf ihre Kindheit. Sie versuchte, mit ihrem Vater Kontakt aufzunehmen, um ihm gegenĂŒberzutreten; sie erfuhr jedoch, daĂ er in einem Pflegeheim dahinvegetierte, weil sein Gehirn infolge des Alkoholkonsums und nach mehreren SchlaganfĂ€llen in jĂŒngster Zeit erheblich geschĂ€digt war. Mit einigen wenigen, unzusammenhĂ€ngenden SĂ€tzen stritt er ab, jemals etwas Falsches getan zu haben. Die Wut, die Christine nun dank ihrer Erfahrungen in der Therapie zum Ausdruck bringen konnte, richtete sich allmĂ€hlich immer stĂ€rker gegen ihre Mutter. Sie und ihre Therapeutin konzentrierten sich nun weniger auf die spezifischen Erinnerungen an den sexuellen MiĂbrauch, den ihre Mutter stillschweigend gebilligt hatte, sondern mehr auf die subtileren Formen des MiĂbrauchs, von denen, wie sie meinte, ihre Kindheit durchdrungen war. Die RĂŒckblenden auf den sexuellen MiĂbrauch durch den Vater wurden ihr zum Symbol fĂŒr ihre Erziehung. Der MiĂbrauch, so stellte sie fest, hatte wĂ€hrend ihrer gesamten Kindheit stattgefunden. Viele der Dinge aus ihrer Kindheit, an die sie sich erinnerte, definierte Christine mit Hilfe ihrer Therapeutin um. So hatte beispielsweise Janice Flöte und Gitarre gespielt, Christine war jedoch von ihrer Mutter nicht ermuntert worden, ein Musikinstrument zu erlernen. Die scherzhafte Ermahnung ihrer Mutter "Sei glĂŒcklich, das ist ein Befehl" erschien ihr im RĂŒckblick böswillig - vielleicht war es ein Versuch, Christines Emotionen zu steuern. Die Tatsache, daĂ sie in der weiterfĂŒhrenden Schule Bier getrunken hatte, deutete auf einen frĂŒhen AlkoholmiĂbrauch hin. DaĂ die Mutter nicht bemerkt hatte, daĂ sie trank, war ihrer Meinung nach eine Form von VernachlĂ€ssigung. Als ihre Krankheit schlimmer und ihre Vorstellung von der Kindheit dĂŒsterer wurde, fand sie innerhalb der Gemeinschaft der anderen MiĂbrauchsopfer UnterstĂŒtzung. Sie begann, bei den Gruppen von Denver VortrĂ€ge zu halten; in kirchlichen Gruppen, bei Kursen zur Frauenforschung und auf lokalen ZusammenkĂŒnften berichtete sie, wie es ist, ein MiĂbrauchsopfer zu sein und dazu eine unheilbare Krankheit zu haben. SchlieĂlich kam sie zu der Ăberzeugung, daĂ der MiĂbrauch - dessen wesentlichen EinfluĂ auf ihre Leben sie nun erkannt hatte - der wahre Grund fĂŒr ihre Erkrankung sei. Als ihre Milz anschwoll und entfernt werden muĂte, besuchten viele der Frauen aus ihrer Therapiegruppe sie im Krankenhaus. Seit dem Brief der Anwaltskanzlei wurde Helen von Janice ĂŒber den Gesundheitszustand ihrer Tochter informiert; sie bat ihre Ă€ltere Tochter, Christine liebe GrĂŒĂe und gute WĂŒnsche zur Genesung zu ĂŒbermitteln. An einem Sonntagmorgen einige Monate spĂ€ter erhielt Helen einen Anruf von Christines Therapeutin; sie sagte ihr, daĂ Christine ihr eventuell einen Besuch erlauben wĂŒrde, wenn mehrere Voraussetzungen erfĂŒllt seien. Vor einem Treffen, erklĂ€rte die Therapeutin, mĂŒsse Helen "The Courage to Heal" gelesen haben. Dann mĂŒsse sie noch selbst in Therapie gehen. Helen war begeistert von der Möglichkeit, mit Christine zusammentreffen zu können, und betonte, sie habe keine Ahnung gehabt, daĂ Christines Vater sie sexuell miĂbraucht hĂ€tte. Die Therapeutin beschimpfte sie dann noch ĂŒber eine Stunde lang wegen der Art und Weise, wie sie ihre Tochter aufgezogen habe. Die Anzeichen, daĂ etwas mit ihrer Tochter nicht in Ordnung sei, sagte sie zu Helen, wĂ€ren deutlich erkennbar gewesen, und nur eine sehr nachlĂ€ssige Mutter könne sie ĂŒbersehen haben. AuĂerdem stellten die Telefonanrufe bei den Ărzten und das Buch ĂŒber das Sterben, das sie Christine ĂŒber Janice geschickt hatte, unverfrorene Versuche dar, Christine zu manipulieren. Wenn sie mit ihrer Tochter zusammentreffen wolle, dann mĂŒĂten ihre Handlungen sehr genau beobachtet werden. Am Ende des TelefongesprĂ€chs war Helen in TrĂ€nen aufgelöst. Am selben Tag kaufte sie "The Courage to Heal" - ein dickes, groĂformatiges Buch von fast fĂŒnfhundert Seiten - und las es sofort von der ersten bis zur letzten Seite. Dem Abschnitt mit der Ăberschrift "Herkunftsfamilien" widmete sie besondere Aufmerksamkeit, ebenso dem folgenden Kapitel, das RatschlĂ€ge fĂŒr die Partner und nĂ€heren Angehörigen der Opfer enthielt. Sie las die Zeilen: »Kam es innerhalb der Familie zum MiĂbrauch oder finden Sie in der Familie im allgemeinen nur wenig UnterstĂŒtzung und verhĂ€lt sie sich Ihnen gegenĂŒber eher kritisch beziehungsweise neutral, kann es sehr schwierig werden, die Beziehungen weiter aufrechtzuerhalten. Manchmal wird seitens der Familie den Opfern wirklich geholfen und ihnen VerstĂ€ndnis entgegengebracht; doch das ist eher selten. Aus ihrem eigenen verĂ€nderten Blickwinkel schauen die meisten MiĂbrauchsopfer auf Familien, die immer noch eingekapselt in Gewohnheiten leben, die es schon gab, als sie noch Kinder waren. Und wenn sie sich vom System der Familie lösen, sehen sie sich damit konfrontiert, daĂ es hier möglicherweise keinen Platz mehr fĂŒr sie gibt.« Helen bestĂ€rkte ihren Vorsatz, Christine unbedingt wissen zu lassen, daĂ es in ihrer Familie immer Platz fĂŒr sie gab. Einige Seiten spĂ€ter las sie, daĂ die nĂ€chsten Angehörigen »der Ăberlebenden immer glauben« sollten. »Auch wenn sie manchmal selbst zweifelt, wenn ihre Erinnerungen vage sind, und wenn sich das, was sie erzĂ€hlt, ĂŒbertrieben anhört, glauben Sie ihr.« Helen erfuhr auch, daĂ sie die Wut- und SchmerzgefĂŒhle ihrer Tochter "bestĂ€tigen" solle. »Hier handelt es sich um gesunde Reaktionen. Sie muĂ sie empfinden, sie ausdrĂŒcken und angehört werden.« Helen fand vor Ort eine Therapeutin, und nach den ersten Sitzungen bat sie sie, die Therapeutin ihrer Tochter anzurufen, um herauszufinden, ob man ein Treffen arangieren könne. Als Helen zu ihrer fĂŒnften Sitzung kam, wirkte die Therapeutin mĂŒrrisch. Sie hatte Christines Therapeutin angerufen und erfahren, daĂ es eine ganze Reihe von Punkten gab, die bei Helen zunĂ€chst angesprochen werden mĂŒĂten, ehe sie ihre Tochter sehen könne. Ihre Therapeutin legte Helen dann den Gedanken nahe, daĂ sie selbst vielleicht verdrĂ€ngte Erinnerungen an einen MiĂbrauch habe, den sie als Kind erlitten habe: »Doch als erstes mĂŒssen wir herausfinden, warum sie einen KinderschĂ€nder geheiratet haben.« Nach der Sitzung Ă€rgerte sich Helen ĂŒber die Beschuldigung und beschloĂ, nicht weiter in diese Therapie zu gehen. Sie schrieb einen Brief an Christines Therapeutin und log darin, sie habe die Therapie beendet, weil sie zu teuer sei; sie wolle ihr aber versichern, daĂ sie eine andere Art der Beratung finden wĂŒrde und daĂ sie weiterhin sehr stark daran interessiert sei, ihre Tochter zu sehen. Daraufhin erhielt sie von Christines Therapeutin einen Antwortbrief, in dem die sie scharf zurechtwies, weil sie ihre Therapie abgebrochen hatte: »Meiner Meinung nach habe ich deutlich klargemacht, daĂ Sie emotional dazu in der Lage sein mĂŒssen, aktiv zuhören zu können, wenn Christine ihre Wut ausdrĂŒckt.« Weil Helen unbedingt ihre Tochter noch einmal sehen wollte, schrieb sie schlieĂlich Monate spĂ€ter einen Brief, in dem sie sich, so gut sie es konnte, bereit zeigte, auf die neuentwickelten Ăberzeugungen ihrer Tochter hinsichtlich der grauenhaften VerhĂ€ltnisse in ihrer Kindheit einzugehen. Sie beschloĂ, ihre Elternrolle zu verteidigen sei weniger wichtig, als Christine ihre UnterstĂŒtzung anzubieten. »Du weiĂt gar nicht, wie sehr ich mir wĂŒnsche, Dich zu sehen, damit ich mich bei Dir entschuldigen kann - mich zutiefst bei Dir fĂŒr so viele Dinge entschuldigen kann, die meine von Herzen geliebte Christine verletzt haben. Die Tatsache, daĂ ich all dies unabsichtlich gemacht habe, ist nebensĂ€chlich - es hat Dich, Christine, verletzt, und es tut mir wirklich leid⊠Kein Tag vergeht, an dem ich nicht hĂ€ufig an Dich denke, mich nicht danach sehne, daĂ Du glĂŒcklich und gesund bist, und ich mich nicht frage, wie es Dir geht. WĂŒrde ich zuviel von Dir verlangen, wenn ich Dich bitte, mich kommen zu lassen, damit ich Dich ganz kurz sehen kann? Wie sehr ich mir doch wĂŒnsche, daĂ ich Deine Stimme hören kann!« Durch Vermittlung von Christines Therapeutin wurde Helens Wunsch entsprochen. Sie wĂŒrde sich in Anwesenheit der Therapeutin mit Christine treffen mĂŒssen. Helen stimmte sofort zu. Am Tag des Treffens in Denver kam Helen eine halbe Stunde zu frĂŒh zum Haus der Therapeutin und wartete im Wagen. Das Haus war groĂ und schön; sie muĂte einen Knopf drĂŒcken, um durch ein Eingangstor mit dem Wagen durchgelassen zu werden. Nicht die Therapeutin ihrer Tochter, sondern eine Kollegin kam heraus und fĂŒhrte Helen in ein holzgetĂ€feltes Arbeitszimmer. Als Helen sah, wie ausgelaugt Christine war, konnte sie ihre TrĂ€nen nur mit MĂŒhe zurĂŒckhalten: Christine hatte tiefe Ringe unter den Augen, und ihr Körper war schlaff. Sie sackte in sich zusammen und ĂŒber einen an der Schulter angelegten Tropf wurde ihr Morphium zugefĂŒhrt. Als Helen eine Bewegung machte, um ihre Tochter zu umarmen, hielt sie die Therapeutin, die sie ins Zimmer gefĂŒhrt hatte, am Arm fest und bat sie sich auf die Couch im gegenĂŒberliegenden Teil des Arbeitszimmers, weit weg von Christine, zu setzen. Christines Therapeutin saĂ neben ihrer Tochter und hielt deren Hand. Helen sagte ihr, wie schön es sei, sie zu sehen, und wie nahe sie ihr tĂ€glich in ihren Gedanken und in ihrem Herzen gewesen sei. Doch Christine reagierte nicht. Christine und ihre Therapeutin wuĂten, daĂ das Treffen nicht als fröhliches Beisammensein geplant war, sondern eher als "Konfrontation", wie man in der Bewegung [die der sektenĂ€hnlich operierenden Therapeuten und Patientinnen] sagt; die beiden hatten zahlreiche der vorangehenden Therapiesitzungen damit verbracht, sich auf diesen Tag vorzubereiten. Christine hat eine lange Liste von MiĂbrauchsereignissen zusammengestellt; dazu gehörten auch sexuelle Gewaltakte, von denen sie meinte, daĂ ihre Mutter sie zugelassen habe. Nachdem die Therapeutin Christine etwas ins Ohr geflĂŒstert hatte, sagte sie zu Helen, daĂ Christine eine ErklĂ€rung abgeben wolle, die sie fĂŒr dieses Zusammentreffen vorbereitet hĂ€tte. Christine nahm die linierten BlĂ€tter, die sie auf dem SchoĂ liegen hatte, in die Hand und begann vorzulesen: »Mutter, ich habe im Moment Probleme damit, mir selbst und anderen zu vertrauen, meine GefĂŒhle auszudrĂŒcken und aus mir herauskommen zu lassen. Statt dessen wĂŒrge ich sie in mich hinein. Es ist schwierig fĂŒr mich, zu erkennen, wer ich bin.« Ihre Stimme war schwach, und sie muĂte zwischen jedem der SĂ€tze zweimal Luft holen. Sie fuhr fort: »Als ich dich sagen hörte: 'Meine beiden Töchter sind begabt und klug', hörte ich dich sagen, ich sei als Einzelperson fĂŒr dich bedeutungslos, und ich besĂ€Ăe fĂŒr mich genommen keine bemerkenswerten Eigenschaften. Immer sagtest du: 'Wenn es meinen Kindern weh tut, tut es auch mir weh' oder 'Weine nicht, sonst weine ich auch.' Und ich dachte dann, meine GefĂŒhle tĂ€ten dir weh, und ich sei böse. Wenn ich etwas nicht machen wollte, worum du mich gerade gebeten hattest, und du sagtest 'Warum muĂt du mich so reizen?', hörte ich heraus, daĂ dich mein BedĂŒrfnis nach UnabhĂ€ngigkeit verletzte. Wenn ich abends zu spĂ€t nach Hause kam und du sagtest 'Warum haĂt du mich so sehr?', hörte ich aus deinen Worten heraus, daĂ ich einzig und allein vorhĂ€tte, dir wehzutun. Als du sagtest: 'Es macht mir nichts aus, dir Anziehsachen zu kaufen, solange du sie nur anziehst', hörte ich aus deinen Worten heraus, daĂ Geld, das fĂŒr mich ausgegeben wurde, verschwendetes Geld sei. Als du sagtest, du liebtest alle deine Kinder gleich, aber Janice an einem Schönheitswettbewerb teilnehmen lieĂt, wĂ€hrend ich noch nicht einmal an einem Schnellkurs fĂŒr Models teilnehmen durfte, hast du mir damit die Botschaft vermittelt, ich sei dir nichts wertâŠÂ« Helen fiel es schwer, sich auf das zu konzentrieren, was ihre Tochter sagte. Sie wuĂte, daĂ sie nie gedacht hatte, ihre Tochter bedeute ihr nichts oder sei ihr nichts wert; und sie hatte ganz bestimmt nicht beabsichtigt, ihr diese Botschaft zu vermitteln. Wie kam es, daĂ es eine so groĂe Diskrepanz zwischen ihren eigenen Erinnerungen an Christines Erziehung und der Ăberzeugung gab, die sich bei Christine selbst herausgebildet hatte? Als sie die Beschuldigung hörte, sie habe ihre Ă€ltere Tochter bevorzugt, unterbrach sie Christine, um dieses einfache MiĂverstĂ€ndnis zu klĂ€ren. Sie hatte Christine nicht erlaubt, in Model-Kurse zu gehen, weil die zu teuer waren und sie das zu einem Zeitpunkt wollte, als sie kaum das Nötigste verdiente, um ihre Töchter zu ernĂ€hren. Beim Schönheitswettbewerb, an dem Janice kurze Zeit vorher teilgenommen hatte, lagen die Dinge anders - es war umsonst, und die Kleidung der Teilnehmerinnen war vom örtlichen Kaufhaus gestiftet worden. Doch Christines Therapeutin unterbrach Helen: »Sie dĂŒrfen jetzt nur zuhören«, sagte sie unnachgiebig. »Sie dĂŒrfen sich jetzt nur Christines Wut anhören.« Man gab Helen einen Stift und einen Notizblock, damit sie ihre Antworten aufschreiben konnte. Sie versuchte ein paar Minuten lang, ihre Gedanken in Worte zu fassen, war jedoch wegen der Verbitterung ihrer Tochter so verwirrt, daĂ sie ihre Schreibversuche bald aufgab. Christine las weiter vor: »Mich zu zwingen, mit am Tisch zu sitzen und genau das zu essen, was ich deinem Willen nach essen sollte, betrachte ich als MiĂhandlung. Und daĂ du nicht versucht hast, etwas zu Ă€ndern und herauszufinden, warum ich keinen Appetit hatte, war eine VernachlĂ€ssigung meiner Person. Du hast mir die Botschaft ĂŒbermittelt, ich sei es nicht wert, daĂ du mir deine Zeit und Beachtung schenkst, als du sagtest, ich sollte Gesangsstunden nehmen; aber ich war es dir nicht wert, denn du hast nichts in dieser Richtung unternommen. Als du sagtest 'LĂŒgen sind etwas, was ich nicht dulden kann - ich mache das ja auch nicht mit dir', hörte ich heraus, daĂ du dir wĂŒnschtest, ich lebte nicht in unserer Familie, und daĂ du glĂŒcklicher wĂ€rst, wenn ich tot bin. Jedesmal, wenn du sagtest 'Ich versuche so gut zu dir zu sein, doch du bist nie zufrieden', hörte ich heraus, daĂ ich dir gegenĂŒber nicht dankbar genug bin. Jedesmal, wenn du sagtest 'Warum muĂt du immer recht haben?', hörte ich heraus, daĂ ich nie recht hatte und daĂ ich es nicht verdiene, Selbstachtung zu haben. Jedesmal, wenn du sagtest 'Ich weiĂ, daĂ du es besser machen kannst', hörte ich heraus, daĂ das, was ich tat, nicht gut warâŠÂ« Um die ganze Liste der Anschuldigungen zu verlesen, brauchte Christine fast eine Stunde. Sie schloĂ mit: »Jetzt habe ich mich dafĂŒr entschieden, diese Dinge als das zu sehen, was sie wirklich sind: ein eklatanter KindesmiĂbrauch, der gar nichts damit zu tun hatte, wer ich bin oder wer ich damals war. Ich nutze meine Wut darĂŒber, um neue StĂ€rke zu gewinnen (âŠ) ich weise diese Botschaften an mich als die LĂŒgen zurĂŒck, die sie immer schon gewesen sind. Den HaĂ und die Scham, von denen ich all diese Jahre dachte, sie gehörte zu mir, gebe ich an dich, die rechtmĂ€Ăige Besitzerin zurĂŒck. Ich glaube, daĂ das narbige Gewebe in meinem Knochenmark einfach Ausdruck meiner Ăberzeugung ist, ich sei im Kern verfault, und Ausdruck meines Wunsches, es dir dadurch recht zu machen, daĂ ich zu existieren aufhöre.« Dann folgte ein langes Schweigen. Eine der Therapeutinnen sagte zu Helen, sie könne jetzt auf Christines Anschuldigungen antworten. Helen fragte sich, was sie ihrer Tochter sagen könne und wo sie beginnen könne, alles wieder ins Lot zu bringen. Vielleicht wĂ€re es ein Ansatzpunkt, wenn sie ihr erzĂ€hlen könne, wie glĂŒcklich sie als Kind gewesen zu sein schien. Sie versuchte, sich an Liebesbeweise zu erinnern, die am besten zeigen wĂŒrden, wie sehr sie Christine immer gemocht hatte. Helen sah ihre Tochter an, sah, wie sie die Zettel auf ihrem SchoĂ faltete, so als ob sie das viel Kraft kostete. Helen wuĂte, dieser Besuch war das letzte Mal, daĂ sie Christine je sehen wĂŒrde. Helen erkannte, daĂ die Wahrheit nicht mehr von Belang war und daĂ die Zeit nicht ausreichen wĂŒrde, alles ins rechte Lot zu rĂŒcken. »Es tut mir leid, Christine«, war alles, was ihr einfiel; deshalb wiederholte sie es wieder und wieder. »Es tut mir leid, Liebling. Es tut mir alles so leidâŠÂ« Gegen Ende des Treffens hĂ€ndigte ihr Christines Therapeutin eine Kopie der Liste mit den Anschuldigungen aus. Einige Monate spĂ€ter starb Christine und hinterlieĂ die Anordnung, daĂ ihre Familie erst eine Woche nach ihrer Beerdigung von ihrem Tod benachrichtigt werden sollte. Helen kann nicht verstehen, was mit ihrer Tochter wĂ€hrend der Therapie geschehen ist; sie sitzt noch immer rĂ€tselnd ĂŒber den Briefen und ĂŒber der Liste, die ihre Tochter zusammengestellt hat. Angesichts der Art und Weise, wie Christine ihre Kindheit neu deutete, fragt sich Helen mittlerweile, ob die Beschuldigung des sexuellen MiĂbrauchs gegen ihren frĂŒheren Mann nicht genauso falsch ist wie die Beschuldigung, sie habe es zugelassen, daĂ der MiĂbrauch stattfand. Am traurigsten ist Helen darĂŒber, daĂ sie nicht in der Lage war, ihre Tochter in der Zeit der Krankheit zu stĂŒtzen und zu trösten. Die Wahrheit ĂŒber das, was ĂŒber Christines Kindheit durchdrang, wird nie mit absoluter Sicherheit ans Tageslicht kommen.